Findorffer Schachfreunde e.V.

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FinWest I vor dem Abstieg aus der Verbandsliga

Durch eine Niederlage beim direkten Abstiegskonkurrenten SG Niederelbe und den gleichzeitigen Überraschungserfolg des SK Turm Lüneburg gegen die zweite Mannschaft der BSG ist FinWest I auf den letzten Platz der Verbandsliga Nord gerutscht. Mit nunmehr einem Mannschaftspunkt weniger als Niederelbe und Lüneburg sowie dem klar schlechtesten Torverhältnis hilft damit in der letzten Runde nur noch ein Sieg gegen die SF Leherheide – ein mittelgroßes Wunder also.

 

Dabei begann der Tag zunächst vielversprechend: Mit allen Stammspielern angereist, durften sich die FinWestler gleich über einen kampflosen Sieg an Brett 1 freuen. Um Christoph Duchhardt das Warten zu verkürzen, wurde ihm flugs die Aufgabe des Chronisten übertragen, weswegen dieser Bericht im Folgenden auch subjektiver als üblich und aus der Ich-Perspektive geschrieben ist.

Nach knapp zwei Stunden Spielzeit war ich insgesamt recht optimistisch, vor allem aufgrund der unteren Bretter. Viktor Gesswein an Brett 2 hatte einen Bauern verloren und sich – ganz Viktor-untypisch – einige Schwächungen um den eigenen König herum erlaubt. Für mich: schlechter, aber nicht hoffnungslos. Benjamin Kaufmanns Gegner an Brett 3 hatte mit Schwarz eine langweilige, symmetrische Stellung durch einen Bauernvorstoß in eine Isolani-Stellung verwandelt, wobei sich mir die typische Isolani-Dynamik noch nicht offenbarte – Benjamin schien alles unter Kontrolle zu haben und sogar Druck auf den d5 zu machen. Für mich: unklar. Bei Karsten Ohl an Brett 4 war es in einer geschlossener-Sizilianer-artigen Stellung zum Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer (und der Bauern b2 gegen e7 (!)) gekommen, was zur Folge hatte, dass Karstens Dame von f6 aus einen guten Blick und seine Springer attraktive Stützpunkte auf e5 und d4 bekamen. Zudem hatte er bereits einigen Vorsprung auf der Uhr. Vorsichtiger Optimismus bei mir. Bei Felix Lanfermann an Brett 5 war eine Freestyle-Eröffnung auf dem Brett, die beiden Spielern entsprechendes Nachdenken abverlangte. Zu diesem Zeitpunkt noch für mich keine Tendenzen auszumachen. Ali Reza Shabani hatte in einer typischen Englisch-Stellung mit Schwarz alles auf „Schwarz“ gesetzt und mit einem starken Lg7, Bauern von b4 bis e7 sowie der a-Linie einige positionellen Pluspunkte eingefahren. Der Gegner schien mir mit seinem weißfeldrigen Konzept im Zentrum und am Königsflügel etwas langsamer zu sein. Für mich: unklar bis leicht optimistisch. Uwe Körber bereitete an Brett 7 in einer ziemlich geschlossenen Stellung ganz behutsam einen Angriff auf den gegnerischen König vor. Vorsichtiger Optimismus auch hier. Und Sören Behrens hatte an Brett 8 in einer Semi-Slawisch-Stellung den weißen Bauern c4 verspeist und mit b5 behauptet, worauf der Gegner jedoch nicht besonders energisch reagierte, so dass Sören zusätzliche weißfeldrige (Bauern-)Kontrolle im Zentrum bekam. Klarer Vorteil hier meiner Meinung nach.

Nach der Zeitkontrolle dann hatte sich das Bild etwas geklärt, aber trotz 2½ - 3½ Rückstand schien mir zumindest ein 4:4 noch drin zu sein. Was war passiert? Viktor hätte bei der komplizierten Verteidigung seiner Königsstellung ein Zwischenschach geben müssen, hatte es aber nach eigener Auskunft „vergessen“. Danach war einfach Material weg. 0:1 aus unserer Sicht. Karstens Stellung war – trotz spannender Möglichkeiten auf beiden Seiten – in ein Läufer-gegen-Springer-Endspiel übergegangen, das beide als schlechter für sich einschätzten. Remis war die logische Konsequenz. Nach etwa 3½ gespielten Stunden mussten dann sowohl Felix als auch Ali aufgeben. Felix hatte einen schwarzen Bauern auf e4 mit f3 angehebelt, den der Gegner jedoch – auch zu meiner Überraschung – sofort nahm, womit er zwei Türme für die Dame (mit Schach) gab. Allerdings harmonierten in der entstandenen Stellung die Dame, der Bauer auf f3 und der weißfeldrige Läufer so gut, dass Weiß einfach nicht mehr alle Drohungen parieren konnte. Fazit: Starker Konter des Schwarzen, leider. In Alis Partie wurde mir mit der Zeit immer klarer, dass ich von langfristigen Englisch-Strategien nichts verstehe. Da Weiß geschickt die Einbruchsfelder am Damenflügel kontrollieren konnte, brauchten die schwarzen Schwerfiguren sehr lange, um sich zu koordinieren. Da Weiß gleichzeitig den Königsflügel (g6) schwächen und d4 für einen Springer freiräumen konnte, fielen die weißen Figuren schließlich über den schwarzen König her. Fazit: Tolle Partie von Weiß, die ich auf dieselbe Art wie Ali verloren hätte. Leider. Uwe jedoch zeigte mal wieder druckvolles Angriffsschach vom Feinsten, wogegen sein Gegner kein Mittel fand: Der h-Bauer riss die schwarze Königsstellung auf, ein Qualitätsopfer legte die schwarzfeldrigen Schwächen frei – ein glanzvoller Sieg.

Es spielten noch Sören und Benjamin. Sören hatteseinen Mehrbauern behaupten und das Material bis in ein Läuferendspiel abtauschen können, wobei die Läufer – wie auch quasi alle schwarzen Bauern – auf weißen Feldern unterwegs waren. Unklar, ob man hier irgendwelche Fortschritte machen oder ob Weiß eine Festung bauen kann. Benjamin schließlich hatte in der Tat den Isolani erobert und nun selbst einen gefährlichen Frei-und-Mehrbauern auf der d-Linie. Nach wilder Taktik in beiderseitiger Zeitnot, in der es sein Gegner schaffte, viele forcierte Verluste zu umschiffen und die Stellung möglichst kompliziert zu halten, hatte Benjamin drei Bauern – unter anderem einen unterstützten Freibauern auf d7 – für eine Qualität, allerdings bei beiderseitig unsicheren Königen. Objektiv klarer Vorteil für Weiß, aber nicht einfach zu spielen. Mein Tipp: 4:4, ohne genau zu wissen, wer gewinnt.

Doch dann geschah, was in so scharfen Stellungen wie bei Benjamin eben passieren kann: Eine einzige Unachtsamkeit führte nicht etwa zur Verringerung des Vorteils für Benjamin oder zum Ausgleich, sondern direkt zur Niederlage durch randalierende Schwerfiguren. Sehr bitter nach einer bis dahin großartigen Partie. Sören schließlich fand keinen Gewinn in seinem Endspiel. Sehr wahrscheinlich war da auch keiner. (Oder, Sören?)

Nicht der erste Mannschaftskampf, den wir diese Saison etwas glücklos verloren haben.