Findorffer Schachfreunde e.V.

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FinWest I sichert überraschend noch Klassenerhalt

Mit etwas Matchglück kann FinWest I 4,5:3,5 gegen Leherheide gewinnen und dank der Siege der BSG II gegen Niederelbe und der Stader gegen Lüneburg dem Abstieg aus der Verbandsklasse in letzter Sekunde von der Schippe springen.

Ein Sieg gegen die starken Leherheider musste in der letzten Runde der Verbandsliga-Saison 2018/19 mit aller Gewalt her für FinWest I. Und auf Schützenhilfe von Stade oder der zweiten Mannschaft der BSG war man außerdem noch angewiesen, um den Klassenerhalt, der schon verspielt zu sein schien, doch noch zu schaffen.

 

Um wirklich nichts unversucht zu lassen,erklärte sich mit Marko Jostes der mit Abstand stärkste (aktive) Spieler beider Vereine bereit, für Brett 8 nachgemeldet zu werden,so dass am Spieltag mit „bester Aufstellung plus“ angetreten und das Glück erzwungen werden sollte.

Und es schien FinWest zu Beginn auch hold zu sein: Wie schon Niederelbe in der achten Runde ließ diesmal der Gegner aus Bremerhaven Brett 1 frei, was wieder Christoph Duchhardt zum Erstatter eines Berichtes machte.

Bestandsaufnahme nach gut zwei Stunden: An Brett 2 hatten Viktor Gesswein und sein Gegner nach unregelmäßiger Eröffnung eine Stellung erreicht, die ich am ehesten „Grünfeld-artig“ nennen würde: ein weißer Isolani auf d5, dem ein schwarzer Bauer e7 entgegensteht, ein schwarzer Läufer auf g7 und schwarze Springer überall am Damenflügel. In taktischen Komplikationen gewann Gesswein in der Folge eine Qualität auf Kosten zerstörter Bauern am Königsflügel. Grobe Einschätzung: Vorteil, aber eventuell nicht gewinnbar, wenn nur noch Bauern am Königsflügel übrigbleiben.

An Brett 3 konnte Benjamin Kaufmann in einem abgelehnten Damengambit mit symmetrischer Bauernstellung zwar drei Leichtfigurenpaare abtauschen, musste jedoch die c-Linie dem Weißen überlassen. Grobe Einschätzung: Nachteil, aber hoffentlich nicht dramatisch.

Karsten Ohl hatte an Brett 4 in einem Rubinstein-Franzosen bereits ein Remisangebot abgelehnt, eine Lockerung der gegnerischen Königsstellung provoziert und seinen h-Bauern auf den Weg geschickt. Als Schwarz dem Weißen auch noch das Läuferpaar gab, wurde ich vorsichtig optimistisch, obwohl Schwarz objektiv wahrscheinlich sehr solide stand.

An Brett 5 spielte Felix Lanfermann – umzugsbedingt aller Voraussicht nach das vorerst letzte Mal – mit Schwarz eine wilde Englisch-Partie, in der er früh auf f2 einschlug und zwei Leichtfiguren gegen Turm, zwei Bauern und bald darauf einen gegnerischen König auf e3(!) eintauschte. Lanfermann entschied sich in der Folge, den eigenen König in der Mitte zu lassen und alles auf einen der zentralen Hebel – d5 oder f5 – zu setzen. Dies erlaubte dem Weißen jedoch, in einer sehenswerten Kombination zwei Figuren für Turm und einen Bauern zu geben und in ein taktisches Schwerfigurenendspiel überzuleiten, in dem der schwarze König deutlich gefährdeter war als das weiße Gegenstück. Grobe Einschätzung: In der Praxis für Schwarz kaum zu halten.

Uwe Körber spielte an Brett 6 eine ebenfalls extrem wilde Partie, in der bis zum letzten Zuge alle drei Ergebnisse möglich sein sollten. In seinem normalen Grand-Prix-Angriff gegen Sizilianisch griff er früh zu d4, was scheinbar glatt eine Figur einstellte. Aber weit gefehlt: Körber erhielt den g7-Bauern und zahlreiche Angriffschancen als Kompensation und konnte bald den Vorstoß f4-f5 mit kräftigen Drohungen folgen lassen. Nach langem Überlegen entschied sich der Gegner, die Dame für den stärksten weißen Angreifer, einen Springer auf d6, zu geben und damit gleichzeitig haufenweise starke Gegendrohungen aufzustellen. Meine Einschätzung zu diesem Zeitpunkt: Alles möglich, nichts für schwache Nerven.

An Brett 7 entwickelte sich an Ingo Veits Brett aus einem Abtausch-Franzosen beiderseitiges Figurenknäuel im Zentrum. Nachdem Veit mit Schwarz einen Läufer auf e4 mit f5 befestigt hatte, provozierte Weiß geschickt weitere Schwächungen am Königsflügel (g6), um dann auf e4 zu schlagen und mit c4 das Zentrum anzuknabbern. Da der Turm des FinWestlers auf a8 nicht so recht ins Spiel kam, war ich eher pessimistisch.

An Brett 8 schließlich spielte Marko Jostes in einer Igel-Struktur gegen eine solide, aber passive Verteidigung, in der es dem Gegner gelang, zwei Leichtfigurenpaare abzutauschen. Allerdings konnte Marko in der Folge immer mehr Raum erobern und in Ruhe auf einen entscheidenden Durchbruch hinarbeiten. Meine Einschätzung: Vorteil, wird schon werden.

Erst nach gut drei Stunden Spielzeit endete die nächste Partie: An Veits Brett konnten die weißen Figuren auf den geschwächten Feldern am Königsflügel eindringen und entscheidend Material gewinnen, so dass er aufgeben musste. Starke Partie des Gegners!

Eine halbe Stunde später dann ging es Schlag auf Schlag: An Brett 2 waren tatsächlich nur noch Bauern an einem Flügel geblieben, und nachdem Gesswein einige Züge lang überprüft hatte, ob sein Gegner die Stellung auch wirklich verteidigen kann, musste er ins Remis einwilligen. Kurz darauf das gleiche Resultat zwei Bretter tiefer: Schwarz hatte einen Damentausch angeboten, den Ohl schwerlich ablehnen konnte. Ein Remis war die logische Konsequenz. Ähnliches bei Kaufmann an Brett 3: Er hatte es geschafft, auch die e-Linie zu öffnen, dort Gegenspiel anzuzetteln und schließlich viel Material abzutauschen, so dass am Ende kein echtes Gewinnpotential mehr auf dem Brett blieb. Auch hier also Remis.

Zu diesem Zeitpunkt stand Lanfermann meiner Meinung nach klar auf Verlust, bei Körber konnte ich nicht vertieft zuschauen (die Nerven) – vielleicht eine Zugwiederholung, würde ja zur Partie passen? Und Jostes schließlich hatte mittlerweile einen Bauern am Damenflügel sowie die einzige offene Linie erobert – wahrscheinlich eine klare Sache. Also 4:4 und der Abstieg?

Doch dann die erste Erlösung: Körbers Gegner hatte in Zeitnot übersehen, was Körbers marodierende Dame anstellen konnte (Ich weiß echt nicht, was genau. Sorry.) und musste aufgeben. Körber ist damit nicht nur Topscorer der Saison, sondern für mich definitiv auch DER „Mann ohne Nerven“. Diese Ruhe am Brett…hätte ich echt gerne.)

Dass Lanfermann direkt danach ebenfalls die Waffen strecken musste, schien da nicht mehr so schlimm. (Auch hier: Großartige Partie des Weißen.) Schade nur für den Findorffer und künftigen Deutschlehrer auf den Philippinen , der sich sicher einen schöneren schachlichen Abschied aus Bremen gewünscht hätte. Alles Gute, Felix! Komm‘ uns besuchen! Und drück‘ uns aus der Ferne die Daumen!

Blieb beim Stand von 3,5:3,5 nach der Zeitkontrolle nur noch Brett 8 mit Marko Jostes . Die wahrscheinlich undankbarste Situation. Auf der Suche nach einem forcierten Gewinn griff er zu einer scheinbar eleganten Kombination …die leider nicht funktionierte. Es blieb ein Endspiel mit Minusqualität auf dem Brett, die teilweise durch einen Freibauern auf b7 und einen gedeckten Freibauern auf d5 kompensiert wurde. Aber konnte man gewinnen, wenn Schwarz einfach passiv bleibt? Oder wollte Schwarz sogar gewinnen? Das wäre die letzte Chance für FinWest I, den Abstieg durch zu großen Optimismus des Bremerhaveners abzuwenden. Und tatsächlich: Schwarz öffnete den Königsflügel, um mit dem Turm einzudringen und Bauern einzuheimsen. Doch das gab Jostes den einen Moment Zeit für die entscheidende Kombination: Der d-Bauer setzte sich mit Schach in Gang und gelangte bis nach d7, der verteidigende Turm auf d2 konnte mit Ld5 weggesperrt werden, und der schwarze Kc7 konnte nicht beide Bauern – b7 und d7 – gleichzeitig aufhalten. Was für ein dramatisches Ende des Mannschaftskampfes! Jubel und Erleichterung allerorten. Danke, Marko, für den Einsatz in diesem entscheidenden Kampf und für die Nerven, die Partie doch noch zu gewinnen!

Nachdem Karsten Ohl mehrmals mit beseelter Miene etwas von einem „unglaublichen Mannschaftskampf“, den er so noch nie erlebt habe, gestammelt hatte, lud er kurzerhand alle Anwesenden in die Eisdiele ein – ohne zu wissen, ob wir tatsächlich gerettet waren. Diese Gewissheit entstand erst um 17:17 Uhr, als der Stader Sieg gegen Lüneburg verkündet wurde. Ich vermute jedoch, dass ich nicht der erste FinWestler war, dem dieses Wissen zuteil wurde, schließlich betätigte ich den Refresh-Button nur etwa alle 30 Sekunden… Andere waren bestimmt noch eifriger.

Christoph Duchhardt