Bremer machen in Kiel auf sich aufmerksam

Malte Hentrop (FSF) gewinnt Kieler B-Open / Fred Hedke (DSK) erreicht im A-Open gute Platzierung

 

Die Kieler Schachgesellschaft / Meerbauer trug zum 22. Mal die das Kieler Elo-(A-) und DWZ-(B-) Open aus. Schleswig-Holsteiner und Hamburger stellten dabei den Großteil der Teilnehmer bei den parallel stattfindenden Turnieren. Doch auch Bremen schickte in beiden Turnieren jeweils einen Teilnehmer ins Rennen. Und das mit Erfolg! Malte Hentrop von den Findorffer Schachfreunden holte den 1. Platz des 22. Kieler-B-Opens (bis 1700 DWZ). Der 24-jährige Findorffer setzte sich dabei in neun Runden gegen 44 Teilnehmer durch. Ebenso erfreulich ist das gute Abschneiden des DSK-Spielers Fred Hedke, der mit dem neunten Platz im stark besetzten A-Open seinen Erwartungen gerecht werden konnte.

 

Auf Grund der teilnahmebeschränkenden DWZ-Grenze von 1700 (Anmeldezeitpunkt) gehörte Hentrop (DWZ 1691) zum Favoritenkreis. Doch dieser erweiterte sich ungeahnt durch stark aufspielende Konkurrenz im Hauptfeld, die für ein regelrechtes „Favoritensterben“ in den ersten Runden sorgte. So war Hentrop unter den DWZ-Favoriten der einzige, der die ersten drei Runden mit 3/3 unbeschadet überstand. In der vierten Runde wurde Hentrop jedoch in ernsthafte Verlegenheit gebracht. Seine Gegnerin Susanne Peschke (GW Marmstorf Harburg) präsentierte mit den schwarzen Steinen ein eigenwilliges Abspiel des Damengambits, in dem Hentrop jedoch keine ihn richtig zufriedenstellende Antwort fand. Er gab am Damenflügel einen Bauern, konnte aber dafür seine Entwicklung vernünftig abschließen. Peschkes König stand indes noch auf seinem Ausgangsfeld und hatte nach dem Vorziehen der g- und h- Bauern Schwierigkeiten einen sicheren Platz zu finden. Trotzdessen behielt Peschke die Initiative, sodass sie einen Angriff starten konnte. Hentrop zeigte keine Nerven und zerstörte den Angriff mit einem Qualitätsopfer, bei dem er die Königsflügelbauern einkassierte und so mit Bumerang-Effekt die gegnerische Dame zum Rückzug zwang und den gegnerischen König auf die Reise schickte.  Hentrop jagte den schwarzen König und erspielte sich eine Dauerschachmöglichkeit, die ihn innerlich zufriedenstellte, sodass er das Remisgebot der Hamburgerin annahm. Die nachträgliche Analyse fand zwei klare, doch nicht leicht zu findende Gewinnzüge für Hentrop, die er am Brett nicht wahrnahm.

 

 

5. Runde Kieler OpenAm darauffolgenden Tag musste Malte Hentrop mit den weißen Steinen gegen den mit 4/4 gut aufgelegten Senior Werner Brockmann (Kieler SG /Meerbauer) antreten. Auf den klassischen Franzosen spielte dieser sofort 3. …c5, was Hentrop in längeres Grübeln versetzte. Beide Seiten stellten im weiteren Partieverlauf einen Bauern ein und wickelten die Stellung in ein spannendes, für Hentrop leicht vorteilhaftes Turmendspiel ab. Die Stellung ließ sich jedoch nur schwer knacken. Hentrop sah nicht mehr als ein remisiges D+B-Endspiel. Doch dann kam die faustdicke Überraschung: Anstatt den eigenen schwarzen g-Bauern mit Schach zur Umwandlung zu schieben, zog Brockmann Kg4-Kh4 und verlor das nötige Tempo für die Umwandlung. Die weiße Dame konnte sich annähern und sammelte den vorletzten Bauern ein. Bei knapper Bedenkzeit erwies sich jedoch auch Hentrop als inkonsequent. Zu intensives Endspieltechnik-Training trübte den Blick für die einfachen Züge. Anstatt den schwarzen g-Bauern einfach zu nehmen, und mit dem letzten verbleibenden Bauern eine neue Dame zu holen, wandte er das typische „Dame-gegen-weit-vorgerückten-Freibauern-Manöver“ an. Das  umstehende Publikum konnte sich bei dieser Tändelei das Lachen nur schwer verkneifen und  amüsierte sich köstlich. Nach ungefähr 15 Zügen dämmerte es dann auch beim Findorffer - und zwar als die Fortsetzung des bisherigen Manövers sich als schnellerer Gewinnweg erwies. Vier Minuten vor Ablauf der Bedenkzeit setzte Hentrop Matt. Es ging ein Spiel zu Ende, das nach Hentrops eigener Aussage einer Brett-1-Partie völlig unwürdig war.

 

In der sechsten Runde hatte Hentrop mit den schwarzen Steinen den acht Jahre jüngeren Christopher Deutschbein (Bille SC) gegenüber sitzen. Dieser bereite sich ausgiebig auf seinen Gegner vor, und sah das schottische Gambit als eine gute Wahl gegen Hentrop. Nach sauberer Eröffnung beging Deutschbein in der Überleitung zum Mittelspiel einen Fehler. Sein b4-b5 ließ den Zug …Sa5 zu, was nicht nur die wichtige Dame-Läufer Batterie auflöste, sondern gleichzeitig am anderen Flügel eine Figur einstellte. Hentrop gewann einige Züge später.

 

Die siebte Runde bescherte dem Bremer bescherte Bernd-Christian-Rosenkranz (SV VHS Rendsburg) als Gegner, der sich trotz einer DWZ von nur 1363 ordentlich hocharbeitete. Der Rendsburger eröffnete mit Weiß mit 1. e4 e5 2. Lc4 Sf6 3. d4 Sxe4 4. dxe5, wonach Malte Hentrop satte 28 Minuten brauchte, um auch nur annähernd zu verstehen, was eigentlich los ist. In dieser komplizierten Eröffnung war es allerdings wieder Hentrops Gegner, der den ersten Fehler beging und dem Bremer sorgenfreies Spiel bescherte. Zum bereits fünften Mal während des Turniers wickelte Hentrop erfolgreich in ein Endspiel ab, das der Bremer dann auch gewann. Da an Brett zwei remisiert wurde, durfte sich der Bremer in der siebten Runde über einen Vorsprung von 1,5 Punkten zu seinen Verfolgern freuen.

 

Nach der siebten Runde hatten sich die anderen gestürzten Favoriten wieder hochgearbeitet, sodass Hentrop dann erstmalig einen Gegner mit einer DWZ von über 1600 bekam. Fabian Ellermann (SK Johanneum Eppendorf) spielte eine ruhige Caro-Kann-Variante, was dem Führenden sehr gelegen kam. Doch auch Ellermann konnte sich mit einem halben Punkt begnügen, sodass die beiden Kontrahenten nach 29 Zügen remisierten. Die recht geschlossene T+S-Endspielstellung war für beide Seiten nur schwer zu gewinnen. Der Turniersieg konnte Hentrop durch die beiden Verfolger Eric Moreno und Hentrops Endrundengegner Dustin Möller zwar noch  rechnerisch genommen werden, allerdings hatte der Mann von den Findorffer Schachfreunden deutlichen Buchholzvorsprung.

 

Miler - HentropIn der letzten Runde hielten sich Möller (TV Fischbek Süderelbe) - mit den weißen Steinen – und Hentrop lange Zeit im eröffnungstheoretischen Fahrwasser. Hentrop war jedoch unaufmerksam und verlor eine Qualität. Der Bremer behielt zunächst die Nerven und lud den gegnerischen Turm auf c7 ein, wonach dieser nach …Ld7-c6 - gestützt durch den Bauern auf b7 - eingekerkert wurde und die „Qualle“ zurückerobert werden konnte, allerdings bekam er dafür eine für Menschen unangenehm zu spielende Stellung. Ein schwacher rückständiger Bauer auf d5 und ein isolierter a7-Bauer waren für ihn schwer zu lösende Probleme. Hentrop konnte die Schwächen lange Zeit verteidigen und weitere potentielle Katastrophen umgehen, doch Dustin Möller spielte seinen kleinen Vorteil gut aus und zwang trotz Zeitnot Malte Hentrop dazu seine letzte Figur gegen die am Damenflügel vorgerückten Freibauern zu opfern. Mit einem Läufer auf a8 und f-g-h-Grundreihenbauern musste Möller nun aufpassen, dass Hentrop seine gefährlich weit vorgerückten h- bis e-Bauern, nicht so abtauscht, dass der Fischbeker mit dem h-Bauern verbleibt und mit falschem Läufer nur noch ein Remis erlangt. Möller erkannte jedoch Hentrops Vorhaben, und umging die im Remissinne gespielten schwarzen Züge geschickt, was bei einer Spielstärke von 16xx durchaus keine Selbstverständlichkeit ist! Wie oft wähnen sich Spieler im Endspiel mit Mehrfigur auf der  der sicheren Seite  und wickeln falsch ab?! Nachdem Dustin Möller im richtigen Moment einfach La8-c6 zog, musste Hentrop nicht nur  einsehen,  dass der deutlich jüngere Spieler die Stellung verstanden hatte, sondern auch die Partie aufgeben und dem Schachfreund Möller zu einem guten Spiel gratulieren. Den Turniersieg hatte der Bremer jedoch trotz dreifacher Punktgleichheit schon bereits eine Stunde vorher in der Tasche, da der Buchholzvorsprung ausreichte. Malte Hentrop erspielte sich trotz der Endrundenniederlage mit 7/9 eine anständige Bilanz und konnte nach dem Leine-Weser-Cup-Gruppensieg seinen ersten größeren Erfolg feiern. Auch DWZ-technisch wurde eine weitere Grenze überschritten. Hentrop schaffte nun erstmals  den Sprung über 1700. Wenn auch weniger deutlich als zwei Runden zuvor erhofft.

 

Abschließend muss der Turnierleitung für einen reibungslosen Ablauf, angemessener und fachkundiger Problemfallbehandlung und guten Spielbedingungen gedankt werden. Auch die Gaststätte Legienhof, die den Turniersaal stellte, trug maßgeblich dazu bei. Die Teilnehmer und Zuschauer verhielten sich anständig und zeigten sich im wörtlichen Sinne als wahre Schachfreunde, was auch die Titelträger einschließt, die sich nicht zu Schade waren mit dem einfach Schachvolk zu plaudern, zu scherzen und Einwürfe der Amateure bei Partieanalysen ernst zu nehmen. Hentrop strebt auch im kommenden Jahr die Teilnahme an - dann im A-Open.

 

Siegerehrung Kiel

Die Sieger des A- und B-Open

 

 

Fotos: Wolfgang Schroedter